Maitsetseg Ravdandorj, Expertin für Digitale Zwillinge: „Jurten sind genial konstruiert“

Portrait von Maitsetseg Ravdandorj, Application Engineer, Germany
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Am Morgen die Energieflüsse eines Wasserkraftwerks optimieren, am späten Vormittag eine Produktionsanlage in Betrieb nehmen und nach der Mittagspause technische Unterstützung beim Netzanschluss einer Windkraft-Anlage bieten – was nach einem fast unmöglichen Tagesablauf klingt, ist für Maitsetseg Ravdandorj Alltag. Das liegt nicht nur an der Expertise der Ingenieurin. Denn als Application Engineer bei ABB Motion sind Simulationen und virtuelle Inbetriebnahmen ihr Tagesgeschäft: Neben der engen Zusammenarbeit mit Vertrieb und Kunden an realen Anlagen oder in Workshops nutzt Ravdandorj routiniert virtuelle Modelle und digitale Zwillinge, um sicherzustellen, dass die Frequenzumrichter von ABB in der Praxis exakt so funktionieren, wie es die Anwendung verlangt. So dauert der Wechsel von einem Projekt zum nächsten nicht Stunden, sondern nur wenige Minuten.

8.000 Kilometer bis zum Praktikumsplatz

Ihren Weg ins Unternehmen fand Maitsetseg Ravdandorj 2018 als Praktikantin, und er führte sie nicht nur nach Deutschland, sondern auch nach Schweden. Eine Distanz, die im Vergleich zur ursprünglichen Reise von ihrem Geburtsort ein Katzensprung ist. Denn Ravdandorj kommt aus der Mongolei, über 8.000 Kilometer von ihrem heutigen Arbeitsplatz in Mannheim entfernt.

„Ich bin in der mongolischen Steppe aufgewachsen, wir lebten in einer Jurte mit hunderten von Tieren: Schafe, Rinder, Ziegen, Kamele und Pferde“, erzählt sie. Die großen Herden haben schon als Kind ihr Interesse an Mathematik und logischem Denken geweckt: „Jeden Abend wurde geprüft, ob die Weidetiere vollständig sind. So habe ich zählen gelernt.“ Mit großem Erfolg, wie wiederkehrende Teilnahmen an der Mathematik-Olympiade während der Schulzeit zeigen.

Mongolische Steppe und deutsche Hochschule – ein perfektes Match

Freude an Wissenschaft und Technik führten Ravdandorj im Rahmen eines Au‑pair‑Kulturaustauschprogramms nach Deutschland. „Ich wollte ein Land kennenlernen, das technisch stark ist und vielfältige Perspektiven bietet“, erklärt sie. „Diese Erfahrung war herausfordernd, aber sehr prägend – fachlich wie persönlich.“ An Deutschland schätzt sie Struktur, Präzision und Planbarkeit. „Die Mongolei steht dagegen für Flexibilität, Anpassungsfähigkeit und den starken Gemeinschaftssinn, der sich aus der nomadischen Lebensweise ergibt.“ Die Kombination sieht Ravdandorj als perfekte Voraussetzung, um Lösungen zu finden, die verlässlich sind und sich gleichzeitig schnell auf neue Situationen einstellen können.

Technische Kurse während eines Studienkollegs im Anschluss an die Au-pair-Zeit bestätigten Ravdandorj schließlich in ihrem Wunsch nach einer MINT-Karriere, genauer: im Maschinenbau. „Die Disziplin verbindet analytisches Denken mit praktischer Wirkung. Das hat mich motiviert“, sagt sie. „Denn ich hatte schon immer Freude daran, Systeme zu verstehen und zu verbessern.“

An der TU Kaiserslautern studierte Ravdandorj Maschinenbau mit Schwerpunkt Mechatronik – als eine von acht Frauen unter 1.000 Studierenden. Die Ausrichtung des Studiengangs beschreibt sie als „die perfekte Verbindung aus Mechanik, Elektronik und Regelungstechnik“, das Geschlechterverhältnis hingegen als eine von mehreren Herausforderungen, Anschluss in Deutschland zu finden. Durch Kommilitonen, Arbeitskollegen und private Kontakte hat sie trotzdem schnell ihren Platz gefunden. „Mit der Zeit entsteht ein natürliches Gleichgewicht“, findet Ravdandorj. Und mit der Zeit entstand schon während dem Studium außerdem ein geschärftes Interessenprofil: Die Masterarbeit im Bereich Kransimulation war bereits ein Vorbote der künftigen alltäglichen Arbeit mit virtuellen Welten und digitalen Zwillingen bei ABB.

Dass Ravdandorj sich nicht nur für den Technologiekonzern als Praktikumsort entschieden hat, sondern dem Unternehmen seitdem treu geblieben ist, erklärt sie auch damit, dass es hier nicht lange braucht, um anzukommen. „Neben dem reinen Praktikum gibt es bei uns Mentoringprogramme und Workshops“, erzählt die Ingenieurin. Und sie lobt den regelmäßig stattfindenden Girls‘Day, der gezielt Mädchen und junge Frauen anspricht, um sie für eine Karriere im MINT-Umfeld zu begeistern. „Technik ist längst kein Männerberuf mehr“, stellt Ravdandorj klar. „Maschinenbau bedeutet Kreativität, Problemlösung, smarte Ideen und echte Wirkung.“ Wenn junge Frauen sehen, dass Technik genau das bietet, entstehe schnell Begeisterung.

Girls‘ Day bei ABB

Elektronikerin oder Mechatronikerin, Industriekauffrau oder Fachinformatikerin – bei ABB können Frauen die verschiedensten Karrierewege beschreiten. Welche Ausbildungsberufe und Dualen Studiengänge in Technik, IT und Wirtschaft es an acht Standorten in ganz Deutschland gibt und was jeden einzelnen besonders macht, erleben Mädchen und junge Frauen beim Girls’Day. Die nächste Veranstaltung findet am 23. April 2026 statt.

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Ein Beruf, der Kreativität fordert – auch im KI-Zeitalter

Dass die Begeisterung auch im Arbeitsalltag anhält, führt Ravdandorj auf die offene, internationale und kompetenzorientierte Ausrichtung von ABB zurück. „Ich wurde vom ersten Tag an ernstgenommen und hatte schnell die Möglichkeit, Verantwortung zu übernehmen“, erinnert sie sich. Außerdem arbeitet sie als Anwendungsingenieurin sehr kundennah und eng mit dem Vertrieb zusammen. „Mein Fokus liegt darauf, technische Anforderungen aus realen Projekten in zuverlässige Lösungen zu übersetzen, besonders im Bereich erneuerbarer Energien.“ Ein zentrales und wiederkehrendes Thema ist dabei die Grid Code Compliance, zum Beispiel VDE 4105, zu der Ravdandorj Kunden bei Netzanschluss, Zertifizierung und Umsetzung unterstützt.

Die Mischung aus digitalem Engineering, Feldpraxis und direktem Kundenkontakt sorgt dafür, dass ihr Arbeitsalltag weiterhin abwechslungsreich bleibt. Auch technologische Entwicklungen wie künstliche Intelligenz erlebt Ravdandorj nicht als Bedrohung ihres Berufsfelds, sondern ganz positiv als Game Changer. „Der Job wird schneller, kreativer und weniger repetitiv“, beschreibt sie ihre Erfahrungen. Codegerüste bauen, Parameterlisten durchsuchen, Doku schreiben – diese „Fleißarbeit“, die früher viele Stunden Zeit gekostet hat, nimmt der Ingenieurin heute die KI ab. „KI erledigt die Vorarbeit, ich treffe die wichtigen Entscheidungen über Architektur und Performance“, fasst sie die Vorteile zusammen. Physik verstehen, Randbedingungen beurteilen, kreative Lösungen bauen: Die Ingenieursarbeit bleibe immer beim Menschen.

Gerade bei Simulationen kann Ravdandorj mit KI noch schneller Varianten testen, ohne stundenlang Modelle anzufassen. „Mit ABB Crealizer Assistant wird vieles schon halb automatisiert. Der Assistant generiert Code und Doku, ich tune nur noch“, ergänzt sie mit Verweis auf die ABB-eigene KI-gestützte Softwareplattform für Steuerungs- und Analysefunktionen. Wie vielfältig – und manchmal überraschend – der Einsatzbereich ist, illustriert die Ingenieurin anhand eines Einsatzes an der Hochschule Kempten: Dort wird die Software genutzt, um den Zustand von Glocken und ihre Läutebedingungen mit Blick auf die Belastungen und die Klangqualität zu untersuchen.

Unterschiede, die verbinden

Ihre Familie in der Mongolei besucht Ravdandorj auch heute regelmäßig. Blickt sie auf ihre Kindheit zurück, sieht sie keine Brüche, sondern Verbindungen. Eine Jurte könne sie heute immer noch allein bauen, wenn es darauf ankäme. „Und mit meinem Wissen würde ich sie wahrscheinlich sogar optimieren“, ist sie überzeugt. „Jurtensysteme sind genial konstruiert: leicht, stabil, transportabel und klimatisch sehr ausgeglichen“, erklärt Ravdandorj. „Und als Ingenieurin denke ich automatisch in Bauteilen und Funktionen – in der mongolischen Steppe genauso wie in einem deutschen Wasserwerk.“