Systemintegration statt Komponentenwechsel: Der Wandel im Elektrohandwerk

Intelligente Systeme wie Busch-free@home® verbinden Energie, Komfort und Steuerung zu einem ganzheitlichen Gebäudekonzept in einem Einfamlienhaus.
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Die Light + Building 2026 hat die Perspektive der Branche geschärft: Nicht der Neubau, sondern der europäische Gebäudebestand entscheidet über die Geschwindigkeit der Energiewende. Rund 85 Prozent der Gebäude wurden vor 2000 errichtet, etwa 75 Prozent gelten als energetisch ineffizient und die jährliche Renovierungsquote liegt bei nur rund einem Prozent. Die EU hat deshalb mit der „Renovation Wave“ das Ziel formuliert, bis 2030 etwa 35 Millionen Gebäude zu modernisieren. Die überarbeitete EPBD muss bis Mai 2026 in nationales Recht überführt werden.

Diese Zahlen waren auf der Messe kein abstrakter Hintergrund, sondern der gemeinsame Nenner vieler Gespräche mit Elektrofachbetrieben, Großhändlern und Wohnungsunternehmen. Die Auftragslage dreht in Richtung Bestand – und zwar schneller, als viele Betriebskonzepte es bislang abbilden.

Die elektrische Basis: Der Verteiler als Nadelöhr

In Bestandsgebäuden treffen Wärmepumpen, Photovoltaik, Speicher und Ladepunkte auf Haupt- und Unterverteilungen, die weder für heutige Lastprofile noch für zusätzliche Schutz- und Kommunikationsmodule ausgelegt sind. Besonders in Mehrfamilienhäusern fehlt es an Teilungseinheiten, während normative Anforderungen gestiegen sind, etwa die Ausweitung der RCD-Pflicht nach DIN VDE 0100-410. Der Verteiler wird damit zum zentralen Punkt. An ihm entscheidet sich, ob moderne Anwendungen überhaupt integriert werden können.

ABB setzt hier an: kompakte, funktionsintegrierte Schutzgeräte, selektive Konzepte mit abgestimmten Auslösekennlinien, rückwirkungsarme Messung und Kommunikationsschnittstellen, die ohne Zusatzgehäuse auskommen. So entsteht eine elektrische Infrastruktur, der heutige und künftige Lastflüsse sicher beherrscht – auch dort, wo die baulichen Reserven begrenzt sind.

Portrait von Dr. Stefan Rohrmoser, Manager Marketing & Sales Smart Buildings/Smart Power & Commercial Lead für ABB Elektrifizierung Deutschland.

„Die Renovierung des Bestands ist keine energetische Option mehr, sondern eine elektrische Notwendigkeit. Die Energiewende scheitert nicht an Wärmepumpen oder Ladepunkten, sondern an Verteilungen, die dafür nie ausgelegt wurden.“

Dr. Stefan Rohrmoser, Manager Marketing & Sales Smart Buildings/Smart Power & Commercial Lead für ABB Elektrifizierung Deutschland

Die smarte Schicht im Raum: Steuerung, Komfort, Digitalisierung

Parallel zur Ertüchtigung der elektrischen Basis entsteht der eigentliche Mehrwert für Nutzerinnen und Nutzer im Raum durch intelligente Steuerung, Sensorik und Automationen. Präsenz- und Luftqualitätssensoren, Raumregler, drahtlose Licht- und Jalousiekonzepte sowie smarte Aktoren machen Renovierungen sichtbar und spürbar. Sie sparen Energie, erhöhen Komfort und schaffen Flexibilität für spätere Erweiterungen.

Offene Standards wie KNX ermöglichen dabei eine gewerkeübergreifende Gebäudeautomation in größeren Projekten und komplexeren Gebäuden. Gleichzeitig entstehen mit Systemen wie Busch-free@home® Lösungen, die speziell auf den Wohnungsbau und Renovierung im Bestand zugeschnitten sind. Parallel entwickeln sich auch Smart-Home-Ökosysteme weiter. Hersteller wie Eve, die auf offenen Standards wie Matter basieren, zeigen, wie sich einzelne Geräte und Funktionen zunehmend in größere Automations- und Energiemanagementsysteme integrieren lassen.

Gerade im Bestand sind professionelle Wireless-Systeme mit stabiler Mesh-Architektur zu einem wichtigen Baustein geworden: Sie ermöglichen eine Nachrüstung ohne Stemmarbeiten, funktionieren zuverlässig bei hoher Gerätedichte und lassen sich im laufenden Betrieb erweitern. Für Installationsbetriebe bedeutet das kürzere Montagezeiten, für Bewohner geringere Ausfallzeiten – ein praktischer Vorteil, der in vielen Messegesprächen als kaufentscheidend beschrieben wurde.

Vom Verteiler bis zum Sensor: Warum Renovierungen nur als System funktionieren

Die Light + Building hat bestätigt, dass die Zukunft der Renovierung nicht in einzelnen Geräten liegt, sondern in der abgestimmten Architektur: Schutztechnik, Energieverteilung, Energiemessung, Gateways und Controller auf der einen Seite sowie Sensorik, Aktorik und Benutzeroberflächen auf der anderen. Erst im Zusammenspiel entstehen Lastmanagement, Komfortautomation und echte Energieeffizienz. Die eigentliche Systemleistung entsteht dabei im Zusammenspiel dieser Ebenen: Der Verteiler schafft die elektrische Grundlage; die smarte Ebene im Raum macht den Nutzen sichtbar.

Aus technischer Sicht verschiebt sich damit auch die Planung: Messpunkte an wichtigen Stromkreisen, klare Prioritäten für Wärmepumpe, Ladepunkt und Speicher, Regelung in Echtzeit sowie zuverlässige Kommunikationsverbindungen, die lokale Funktionen ebenso ermöglichen wie Fernwartung und Updates. So bleibt die Anlage erweiterbar – ein Muss, wenn Budgets in Etappen freigegeben werden oder Nutzungen sich ändern.

Renovieren unter Betrieb und im Mietmarkt: Modularität schlägt Einmalmaßnahme

Mehr als die Hälfte der Menschen in Deutschland lebt zur Miete und viele Modernisierungen erfolgen im bewohnten Zustand. ABB verfolgt deshalb einen modularen Retrofit-Ansatz, der am Lebenszyklus orientiert ist: Zuerst werden Verteilungen ertüchtigt und Messpunkte gesetzt, anschließend folgt die drahtlose Steuerungsebene in den Wohneinheiten. Energiemanagement, Priorisierung und PV-Überschussnutzung lassen sich später ergänzen. So respektieren Projekte Budget- und Bewirtschaftungszyklen, ohne technologische Sackgassen zu schaffen.

„Wireless, Energiemanagement und Verdichtung in der Verteilung – das ist das technische Dreieck, in dem Renovierungen heute gewonnen werden“, fasst Rohrmoser zusammen. „Die Modernisierung beginnt in der elektrischen Infrastruktur, entfaltet ihren Nutzen im Raum und bleibt erfolgreich, wenn beides als System gedacht wird.“

Systemintegration als Kernkompetenz des Elektrohandwerks

Installateure agieren zunehmend als Systemintegratoren. Die Verantwortung verschiebt sich vom Austausch einzelner Komponenten hin zur Planung durchgängiger Elektrosysteme – von der Schutzphilosophie über Selektivität und EMV-gerechte Verdrahtung bis hin zur Inbetriebnahme vernetzter Wireless-Netze. ABB unterstützt diesen Wandel mit digitalen Planungstools, Schulungen zu Normen und Fehlersuche im Bestand sowie mit Services für Zustandsdaten und Fernwartung, die Serviceeinsätze planbarer machen.

„Die Modernisierung endet heute nicht mehr im Verteiler“, sagt Rohrmoser. „Sie beginnt dort – aber sie entfaltet ihren Nutzen im Raum. Intelligente Steuerung, Sensorik und drahtlose Kommunikation sind die Ebene, auf der Energieeffizienz und Nutzerkomfort tatsächlich sichtbar werden.“

ABBs Quintessenz

Die Messe hat kein neues Schlagwort geliefert, sondern eine Richtung bestätigt. Die Zukunft beginnt im Verteiler und wird im Raum entschieden. Für ABB ist klar, dass die Branche keine isolierten Produkte, sondern Lösungen sucht, die die Realität des Bestands respektieren und technisch sauber in den Alltag von Elektrohandwerk und Wohnungswirtschaft überführbar sind. Wer Verteilung und Smart-Home-Ebene als Einheit plant, beschleunigt die Renovierung und macht die Energiewende im Gebäude alltagstauglich.