Mehr Durchblick im Netz

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Netzbetreiber stehen derzeit vor der großen Herausforderung, ihre elektrische Infrastruktur nachhaltig zu modernisieren und dabei wirtschaftlich zu bleiben. about sprach mit Britta Buchholz von ABB über die Möglichkeiten, dem Umbau der Energiesysteme aktiv zu begegnen.

ABB fokussiert sich derzeit auf Produkte und Systeme, die eine Transformation der Energiesysteme ermöglichen. Welche Herausforderungen haben Energieversorger aktuell und künftig zu meistern?

Flexibilität ist das Stichwort schlechthin im nächsten Jahrzehnt, insbesondere im Hinblick auf die erneuerbaren Energien. Die Netzbetreiber müssen plötzlich auf sehr schwankende Einspeisungen reagieren. Und wir brauchen Flexibilität, weil die Energieerzeuger jetzt oft Privatleute sind – also nicht mehr diejenigen, die auch Netze betreiben oder die sich mit den anderen Erzeugern abstimmen, sodass man den Zeitpunkt der Einspeisungen nicht mehr kennt.

 

Welche Lösungen bietet ABB?

Wir haben unser ganzes Portfolio weiterentwickelt. Das ist – bis auf den hybriden HGÜ-Leistungsschalter – keine riesige Einzelinnovation, sondern es sind viele kleine Neuerungen. Sie sind wie Puzzleteile, die in ihrer Summe dazu führen, dass wir als ABB unseren Kunden die richtigen Produkte und Lösungen für den Umbau der Energiesysteme anbieten können.

 

Sie reagieren also auf den Wandel des Marktes?

Genau. Wir sehen, dass unsere Kunden Schritt für Schritt eine bestehende Infrastruktur umbauen müssen. Dafür brauchen sie ganz viele dieser Puzzle-Teilchen. Ein Beispiel: Für mehr Durchblick in den Netzen haben wir die Analyse- und Beobachtungsverfahren vereinfacht weiterentwickelt und zum Patent angemeldet, das Smart Planning. Für viele Netzbetreiber ist die Abschätzung, ob sie ein Problem in ihrer Netzqualität bekommen oder nicht, wenn mehr erneuerbare Energien eingespeist werden, schwierig. Sie möchten aber auch nicht gleich eine aufwändige Beratung, sondern zunächst einen ersten Durchblick im Netz. Mit Smart Planning lässt sich den Herausforderungen insbesondere im Niederspannungsnetz schnell und wirtschaftlich begegnen.

 

Wie funktioniert Smart Planning genau?

Wir klassifizieren im ersten Schritt die Netzabschnitte und erkennen dabei kritische Abschnitte. Nur von diesen erstellen wir einen „Fingerabdruck“. Weiterhin installieren wir nur an der Ortsnetzstation Messtechnik und können anhand der Referenz sehen, ob beim Zubau weiterer dezentraler Anlagen Grenzwerte überschritten werden. Und nur wenn dabei kritische Werte gemessen werden, ist der nächste Schritt die Regelung – zum Beispiel mit einem regelbaren Ortsnetztransformator. Dieser Schlüssel hatte vorher gefehlt. Flächendeckend mit Mess- und Regelungstechnik „aufzurüsten“, wäre zu teuer. Wenn man nur dort „aufrüstet“, wo ein Problem auftritt, wird es wirtschaftlich.

 

Neben der Bezahlbarkeit der Energiewende hat auch Versorgungssicherheit einen hohen Stellenwert. Der Markt braucht Lösungen, die Energieeffizienz und intelligente Netze miteinander vereinbaren. Wie ist der aktuelle Stand bei den Smart Grids?

Der Fokus im Bereich Smart Grids liegt bei uns auf der Transformation der Energiesysteme. Es geht nicht nur um die Netze, sondern um ganze Energiesysteme. Neben den Netzen sind auch die Erzeuger beteiligt – und zwar die von konventioneller und erneuerbarer Energie gleichermaßen. Dabei müssen sich erneuerbare Energien verstetigen und die konventionellen Kraftwerke müssen flexibler werden. Das betrifft sowohl die Netze als auch die ganze Anlagentechnik und darüber hinaus die kompletten Steuerungssysteme für diese Technik. In Deutschland verfügen wir als Hersteller über diese Technologien. Jetzt warten wir auf einen großen Impuls aus dem Markt – also darauf, dass die Technologien, die verfügbar sind, auch bestellt und eingesetzt werden.

„Planungsgrundsätze müssen überdacht und weiterentwickelt werden.“

Wird vorausschauend bestellt oder müssen bei den Energieversorgern erst Probleme auftreten, bevor sie aktiv werden?

Ein Schlüssel zu einer vorausschauenden Problemlösung ist, dass auch Planungsgrundsätze weiterentwickelt werden. Wir reden jetzt nicht mehr von wenigen Anlagen und Projekten wie den Offshore-Windparks, die man projektbezogen individuell angehen kann, sondern davon, dass unsere Kunden, die Netzbetreiber, ihre Planungsgrundsätze überdenken sollten. Man muss sich erst einmal über die Frage klar werden, wann man welche intelligente Technik einsetzt. Diese neuen Planungsprozesse müssen in Form von Ausbildungen und Schulungen im Unternehmen verankert werden.

 

Bieten Sie Ingenieur-Dienstleistungen und Schulungen an?

Das ist genau unsere Aufgabe als Consultants. Wichtig ist, die Entwicklung der erneuerbaren Energien bereits in einer strategischen Zielnetzplanung zu berücksichtigen – am besten in verschiedenen Szenarien, da man die genaue Entwicklung nicht kennen kann. Wir bieten dazu elektrische Beratung für die Asset Manager in der Strategie- und Grundsatzplanung an. Zudem bieten wir auch ganz konkret Dienstleistungen in der Netzplanung an, zum Beispiel für den wirtschaftlichen Einsatz intelligenter Betriebsmittel oder Schutzkonzepte für die geänderten Einspeisebedingungen. Solange es noch keine einheitlichen neuen Planungsgrundsätze gibt, ist eine individuelle Planung die einzig mögliche Lösung.

 

Was raten Sie Netzbetreibern?

In der Netzplanung muss man die richtige Reihenfolge einhalten: Erst analysieren, dann investieren. Oftmals wird in den unteren Spannungsebenen die Analyse nicht für nötig gehalten und nach altem Schema in konventionelle Technik investiert. Meine Botschaft lautet hier: Man muss zunächst genauer hinsehen und mit geeigneter Software – zum Beispiel mit Neplan – die Netze analysieren. Das lohnt sich für den Netzbetreiber! Denn mit unserer Analyse wird der Ausbau erheblich wirtschaftlicher. Wir bieten neben der Ingenieur-Dienstleistung für die Planung mit Neplan und den Schulungen auch die passende Software an.

 

Sind die Trends in Europa oder sogar weltweit die gleichen wie in Deutschland? Können wir unsere Lösungen übertragen?

Als Exportnation muss es unser Interesse sein, dass die Nachbarstaaten unsere Lösungen auch anwenden können. Anders dürfen wir die Energiewende gar nicht gestalten, sonst schießen wir ein Eigentor. Wenn man aber ins Ausland schaut, merkt man, dass andere vielleicht schon Lösungen entwickelt haben, die wir ebenso verwenden können. Aufgrund von sowieso schwächeren Netzen oder aus ganz anderen Gründen ist man in diesen Ländern bereits heute mit Fragestellungen konfrontiert, die auf uns zukünftig zukommen könnten.