„Walflossenantrieb“ & Eisbrecher im Rückwärtsgang: Interview mit Martin Schiefer von ABB Marine & Ports

Martin Schiefer von ABB Marine & Ports vor einem großem Frachtschiff.
Gefällt mir
Bookmark
Intro

Eisbrecher, die rückwärts „aufs Eis klettern“, Steuerung per Künstlicher Intelligenz, Schiffe, die jahrelang nicht tanken müssen und Antriebssysteme nach dem Vorbild von Walflossen: Wenn Martin Schiefer, Head of Marine & Ports, von seinen aktuellen Projekten erzählt, wirkt er wie Jules Verne 2.0. Aber im Gegensatz zur Nautilus von Captain Nemo sind seine Geschichten meist schon lieferbar.

Martin, Du bist jetzt schon länger dabei. Wie kamst Du zur „Seefahrt“ – und was genau ist Dein Job bei Marine & Ports?

Durch einen Organisationswechsel wurde 2006 ein neuer Leiter für das Marine Service Center in Hamburg gesucht und ich wurde gefragt, ob ich diese Rolle übernehmen würde. Ich hatte in meinen vorherigen Rollen im Antriebsservice den einen oder anderen Einsatz an Bord durchgeführt und fand das Thema sehr interessant und spannend. Wie spannend kam dann erst im Lauf der Zeit heraus. Meine aktuelle Rolle ist die Leitung der Lokalen Division Marine & Ports in Deutschland.

Portrait von Martin Schefer, Head of Marine & Ports Germany bei der ABB AG.

Zur Person:

Martin Schiefer ist Head of Marine & Ports Germany bei der ABB AG. Sein Fokus liegt auf innovativen Antriebstechnologien, Digitalisierung, Künstlicher Intelligenz sowie der nachhaltigen Transformation der Schifffahrt.

Als langjähriger ABB-Mitarbeiter verbindet er technologische Expertise mit einem tiefen Verständnis für die Herausforderungen der maritimen Industrie.

Was waren aus Deiner persönlichen Sicht die spannendsten Projekte, die Du bei ABB Marine & Ports begleitet hast?

Spannende Projekte  gibt es viele. Ein Highllight war z.B. unsere erste Landstromnachrüstung auf einen Kreuzfahrer. Da es keine Möglichkeit gab, die Mittelspannungsschränke im zusammengebauten Zustand an die Einbaustellen zu bringen, wurden sie in der Fabrik zerlegt und in transportablen, nummerierten Kisten verpackt, um die Schaltanlage an Bord zu bekommen. Und wir arbeiten bei unseren Projekten oft länderübergreifend zusammen, wie bei einer Erweiterung von vier Kreuzfahrtschiffen gemeinsam mit ABB-Marine in Finnland. Von dort wurde pro Schiff ein Generator geliefert und wir haben von Hamburg aus die Erweiterung der Schaltanlage inkl. Einbau und Inbetriebnahme übernommen. Das erste und letzte Schiff wurden in Hamburg umgebaut, das zweite und dritte auf den Bahamas.

Ein Eisbrecher mit Azipod-Antriebssystem und DASTM-Konzept von ABB.

Dein Artikel über Innovationen bei Eisbrechern war einer der meistgelesenen auf Destination Zukunft. Was fasziniert die Menschen daran?

Zum einen es bestimmt die Faszination für die Arktis. Gleichzeitig eröffnen moderne Eisbrecher völlig neue Möglichkeiten. Sie machen heute nicht nur Forschung und Versorgung sicherer, sondern ermöglichen sogar Kreuzfahrten bis zum geografischen Nordpol. Das wäre vor einigen Jahren kaum vorstellbar gewesen. Und dann ist da natürlich die Technik: Die Idee, nicht den Bug – also die Vorderseite des Schiffs – zum Eisbrechen zu verstärken, sondern das Heck. Und dann ab einer gewissen Eisdicke einfach rückwärts weiterzufahren. Das klingt zwar zunächst verrückt, hat aber eine ganze Reihe von Vorteilen. Dank unserer Azipod-Antriebe mit vollständig drehbaren Elektromotoren ist das Konzept auch problemlos umsetzbar. Und es macht die Schifffahrt durch die Arktis sehr viel nachhaltiger, was in einem so empfindlichen Ökosystemen sehr wichtig ist.

Eine aktuelle Innovation hat ABB aber gar nicht erfunden, sondern ganz frech kopiert. Von wem und warum?

(Lacht) Ja, das stimmt. Dynafin hat sich ABB von den Flossenbewegungen von Walen abgeschaut. Wale sind unglaublich effizient unterwegs – leise, kraftvoll und mit minimalem Energieeinsatz. Genau das wollten wir verstehen und technisch nutzbar machen. Das Schöne daran ist: Wir können den Walen damit sogar eine Art „Lizenzgebühr“ zurückzahlen. Denn Dynafin ist viel leiser als klassische Propeller. Und es reduziert die Vibrationen im Wasser deutlich. Beides ist für die sensiblen Meeressäuger Gold wert. Außerdem hilft es dabei, ihr maritimes Ökosystem zu erhalten, denn Dynafin ist durch seine höhere Energieeffizienz auch noch sehr viel nachhaltiger.

 

Stichwort Nachhaltigkeit: Welche Klimaziele gelten eigentlich – und wie stark verändern sie die Branche schon heute?

Die Schifffahrt soll in den kommenden Jahrzehnten deutlich klimafreundlicher werden. International gilt das Ziel, den CO₂-Ausstoss bis 2030 spürbar zu senken und bis 2050 klimaneutral zu fahren. Diese Ziele sind inzwischen auch nicht mehr nur Absichtserklärungen, sondern werden zunehmend durch konkrete Regeln und Vorgaben begleitet. Das bedeutet: Schiffe müssen heute sparsamer unterwegs sein, weniger Energie verbrauchen und ihre Emissionen transparent nachweisen. Wer dauerhaft zu viel ausstößt, riskiert höhere Kosten oder Einschränkungen im Betrieb. Deshalb investieren viele Reedereien schon jetzt in effizientere Technik, elektrische Antriebe und digitale Systeme – nicht nur aus Umweltgründen, sondern weil es sich wirtschaftlich lohnt.

Thema Künstliche Intelligenz: Können Frachtschiffe bald unbemannt durch die sieben Weltmeere kreuzen?

Vollständig autonome Schiffe sehe ich kurzfristig noch nicht – und ehrlich gesagt ist das auch nicht zwingend das Ziel. Aber KI wird eine immer größere Rolle spielen. Schon heute hilft sie dabei, Routen zu optimieren, Energie zu sparen, Risiken frühzeitig zu erkennen oder die Sicherheit zu erhöhen. KI wird Kapitäne und Crews eher unterstützen als ersetzen. Gerade in komplexen oder gefährlichen Situationen bleibt der Mensch unverzichtbar – aber mit deutlich besseren Entscheidungsgrundlagen als früher.

Zum Abschluss: Wie glaubst Du, dass die Schifffahrt in zehn Jahren aussieht – und welche Rolle möchte ABB dabei spielen? 

Ich glaube, dass die Schifffahrt in zehn Jahren deutlich elektrischer, digitaler und vernetzter sein wird als heute. Wir werden nicht die eine Lösung für alle Schiffstypen sehen, sondern einen Mix aus Technologien: Batterien, Brennstoffzellen, alternative Kraftstoffe, hybride Antriebssysteme und auch neue Energiequellen, über die heute noch diskutiert wird – bis hin zu Small Modular Reactors in sehr speziellen Anwendungen. Entscheidend wird sein, Energie an Bord möglichst effizient zu nutzen und Emissionen dort zu senken, wo es technisch und wirtschaftlich sinnvoll möglich ist. Genau hier möchte ABB eine zentrale Rolle spielen: als Technologiepartner, der elektrische Antriebssysteme, Automatisierung, digitale Lösungen und Energiemanagement intelligent miteinander verbindet. Unser Ziel ist es, die Schifffahrt sicherer, effizienter und nachhaltiger zu machen – Schritt für Schritt und gemeinsam mit unseren Kunden.